Schlitzohr und Gottesstreiter: Wer wir vor Gott sind
Impuls zum 6. Sonntag nach Trinitatis
10.07.2026 5 min
Zusammenfassung & Show Notes
"So spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!" | Jes 43,1
Von Klaus Sperr
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Transkript
Der Wochenspruch für den sechsten Sonntag nach Trinitadis
steht in Jesaja 43, Vers 1: So spricht
der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und
dich gemacht hat, Israel. Fürchte dich nicht, denn
ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei
deinem Namen gerufen, du bist mein. Vor einigen
Jahren gab es eine Liturgiereform. In großen Abständen
von Jahrzehnten gibt es das in der Evangelischen
Kirche immer mal wieder. Es wird über Schwerpunkte
der Sonntage, der Predigtexte, der Lesetexte und ähnliches
nachgedacht. Bei der letzten Reform gab es unter
anderem die Entscheidung, deutlich mehr Raum dem Alten
Testament zu geben, den Texten des Alten Testaments,
and damit ja auch den Wurzeln unserer Christenheit.
Auch bei unserem Wochenspruch hat sich das niedergeschlagen.
Vor der Reform war er nämlich raschmal verallgemeinert
worden. So spricht der Herr, der dich geschaffen
hat, fürchte dich nicht, denn ich habe dich
erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen,
du bist mein. Jetzt, nach der Reform, beinhaltet
er den ganzen biblischen Text. So spricht der
Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich
gemacht hat, Israel, fürchte dich nicht, denn ich
habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem
Namen gerufen, du bist mein. Der Bezug auf
Israel ist hinzugekommen. Ich finde es sehr gut.
Es erinnert uns daran, dass wir auf den
Schultern unserer älteren jüdischen Geschwister stehen. Und wie
es ihnen erging und ergeht, so ergeht's auch
uns. Und wie er ging und er geht
es, Israel? Ich will unsere Aufmerksamkeit heute Morgen
diesem neu hinzugekommenen Text widmen. Das Volk Israel
wird mit zwei Namen hier angesprochen: Jakob und
Israel. Jakob, Jakov, der Versenhalter wird es bei
Luther übersetzt, also der, der versucht, seinen Zwillingsbruder
zurückzuziehen, um selber vorne zu sein. Einer meiner
Freunde, der mit mir Theologie studiert hat, sagte:
Man muss dieses Wort Jakov eigentlich schlichtweg mit
Schlitzohr übersetzen. Und ich finde, das trifft es
sehr gut. Jakob and the Trickers of the
Lord God. And then Israel, the God's Strider.
Also Israel steht für den, der mit und
für Gott kämpft. Diese Doppelrolle, Schlitzohr und Gottesstreiter,
war ständig präsent im Volk Israel. Und ist
das nicht auch bei uns so? Wir sind
doch fraglos auch so Schlitzohren, wenigstens ab und
an. Und genauso fraglos sind wir auch Heilige
Gottesstreiter, mal gegen Gott, aber vor allem auch
mit Gott und für Gott. Luther brachte das
auf den Punkt: Simul justus et peccator, sagte
er. Also, wir sind gleichzeitig, zugleich, simul, simultan,
wir sind gleichzeitig Sünder und Gerechte. Und genau
für die, für diese Schlitzohren und Gottesstreiter. Genau
für die gilt, ich, Jahwe, ich habe dich
geschaffen. Ich habe dich gemacht. Darum musst du
dich nicht verachten in der Wirklichkeit deines Lebens.
Ich, Jahwe, ich habe dich auch erlöst. Zu
mir gezogen, du bist mein, vergiss das gar
nie. Da nicht, wenn du dich als Jakob
ertappst, und da nicht, wenn du dich als
Israel wahrnimmst. Wie auch immer, du darfst im
Zeichen des Neuanfangs leben, so das Thema dieser
Woche im Kirchenjahr. Und dieses Zeichen des Neuanfangs,
das feiern wir ja auch heute Morgen als
Geladene an den Tisch des Herrn. Wir feiern
das bei jedem Abendmahl, dass wir im Zeichen
des Neuanfangs leben können, egal ob wir uns
gerade als Schlitzer oder Gottesstreiter erleben. Denn so
spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob,
und dich gemacht hat, Israel. Fürchte dich nicht,
denn ich habe dich erlöst, ich habe dich
bei deinem Namen berufen. Du bist als Schlitzohr
und als Gottesstreiter, du bist mein. Amen.